Wohin mit dem Müll?

Die Abfallbeauftragten im Chemiepark Knapsack sorgen für die sichere und umweltgerechte Entsorgung.

Ganz gleich, ob verunreinigte Verpackungen aus der Produktion, Fette aus der Gastronomie oder undefinierbare Funde aus dem Lager – wer etwas entsorgen muss, ist im Chemiepark Knapsack nicht allein. Denn mit Tim Böpple, Holger Schütz und Juan Wagner stehen drei Experten der YNCORIS bereit, die sich mit dem Thema Entsorgung bestens auskennen.

Ein ganz normaler Mittwochmorgen. Bei Schütz geht eine Anfrage per E-Mail ein. Sein Kunde möchte 140 Tonnen einer Chemikalie in einem 20-Fuß-Container entsorgen. Der Betrieb hat das Sicherheitsdatenblatt bereits angehängt. Damit verfügt Schütz über die meisten wichtigen Informationen, doch bei diesem Abfall benötigt er noch eine Probe, damit der Entsorger ein Angebot erstellen kann. Nimmt der Kunde das Angebot an, stellt er den Entsorgungsnachweis aus und spricht die Logistik mit den Beteiligten ab. Bis es so weit ist, werden aber noch ein paar Tage – manchmal aber auch Wochen oder Monate – vergehen, je nachdem wie schwierig ein Stoff zu entsorgen ist. Denn für Abfälle abseits des Standards gibt es oft nur wenige Anlagen.

Strenge Regeln
In Deutschland ist die Entsorgung von Abfällen genau geregelt: Schließlich soll alles, wenn möglich, stofflich aufbereitet oder recycelt und nur in letzter Konsequenz verbrannt werden. Dementsprechend komplex sind die Vorschriften. Gerade im Chemiepark benötigen viele Abfälle besondere Aufmerksamkeit. „Wir versuchen, auch Produktionsrückstände mit Phosphor, Chlor oder Quecksilber so zu entsorgen, dass sie sich wenigstens teilweise wiederverwerten lassen“, sagt Schütz. „Das ist bei gefährlichen Stoffen oft schwierig. Doch wir können auf ein großes Netzwerk zugreifen.“ 

Böpple, Schütz und Wagner sind Abfallbeauftragte: Aufgrund einer entsprechenden Ausbildung oder eines Studiums verfügen sie über die nötige Fachkenntnis und haben zudem eine fünftägige behördlich anerkannte Fortbildung im Bereich Abfallmanagement absolviert, die sie regelmäßig auffrischen müssen. Wagner hat zum Beispiel Entsorgungsingenieurwesen studiert, Böpple und Schütz haben ihre Ausbildungswurzeln in der Chemie. Sie betreuen jeweils einen oder mehrere größere Kunden aus dem Chemiepark sowie weitere kleinere Betriebe an den YNCORIS Standorten oder außerhalb. Denn ein Abfallbeauftragter ist bei vielen Produktionsunternehmen Pflicht.

Jeder Tag ist anders
Die drei werden wegen ganz unterschiedlicher Probleme angesprochen. Am häufigsten im Tagesgeschäft sind die sogenannten Kontiabfälle, wie verunreinigte Verpackungen oder Lösemittelgemische aus der Produktion, die – einmal solide geplant – immer auf dem gleichen Weg entsorgt werden können. Spannend wird es, wenn solche Wege plötzlich wegbrechen, zum Beispiel, weil eine Entsorgungsanlage ausfällt. „Das ist zwar stressig, aber es macht auch viel Spaß, sich in komplexe Sachverhalte einzudenken“, sagt Wagner. „Wir stehen alle in engem Kontakt mit den Betrieben und haben bisher gemeinsam noch jedes Problem gelöst.“ Immer wieder tauchen aber auch „Exoten“ auf: Ein Mitarbeitender findet beim Aufräumen eines Lagers einen Behälter ohne Beschriftung oder ein Fass mit undefinierten Rückständen. Gibt es kein Sicherheitsdatenblatt mit allen wichtigen Informationen, gehen die Berater auf Spurensuche, nehmen Proben, lassen sie analysieren und legen daraufhin den Entsorgungsweg fest. „Wichtig ist neben dem Flammpunkt zum Beispiel die Konsistenz, der pH-Wert und bei flüssigen Abfällen, ob der Abfall wässrig oder organisch ist“, erklärt Wagner. Alle sind sich einig: Der Kundenkontakt macht den Job so spannend. Denn der Draht zu den Betriebsleiter*innen und Meister*innen in den Anlagen ist eng und vertrauensvoll. „Und natürlich das kollegiale Miteinander“, sagt Schütz. „Wir haben unterschiedliche Stärken und ziehen alle an einem Strang.“

Ärgerlich
Regelmäßig muss das Team auch Abfall entsorgen, der überhaupt nicht im Chemiepark entstanden ist. „Eine Couch, eine Küche, Holzrollladen, Reifen – wir haben schon jede Menge Zeug direkt hinter dem Schild zum Werksgelände gefunden“, erzählt Böpple. „Und das nur, weil die Leute die zehn Euro im städtischen Entsorgungshof sparen wollen.“

Doppelfunktion
Unterstützt wird das Team von Olaf Englert. Er ist der verlängerte Arm der drei Disponenten. Englert kennt – ähnlich wie Schütz – jeden Winkel im Chemiepark und ist dort unterwegs, um praktisch zu unterstützen. Unter anderem dafür, dass die richtigen Container beim Kunden angeliefert und abgeholt und die Abfallmengen zeitnah erfasst werden. Die monatliche Reinigung und Prüfung der Fett- und Ölabscheider aus der Gastronomie und den Werkstätten koordiniert er ebenfalls. „Ich helfe auch, wenn sich ein Fahrer nicht im Chemiepark auskennt und vertrete Marc Mibis im Abfallentsorgungszentrum“, sagt er. Die Hälfte seiner Zeit ist Englert außerdem für das Thema Altlastenmanagement aktiv und betreut dabei sämtliche technische Einrichtungen, wie die Förderpumpen für Grundwässer. Seine Kollegin Patrycja Mühleisen unterstützt er zum Beispiel bei der Probenahme an den Brunnen im Chemiepark Knapsack.

Abfallbeauftragte
Wann sind sie Pflicht? 

Das regelt das Bundesimmissionsschutzgesetz (BImSchG). Es gilt unter anderem für genehmigungsbedürftige Anlagen, die mehr als 2.000 Tonnen nicht gefährlichen oder 100 Tonnen gefährlichen Abfall pro Jahr produzieren.

Abfälle in Deutschland 
Seit 2015 fallen pro Jahr rund 350 Millionen Tonnen Abfälle an. Der überwiegende Teil, etwa 230 Millionen, sind Baurestmassen, die wieder für Baumaßnahmen eingesetzt werden. Rund 50 Millionen Tonnen stammen aus Produktion und Gewerbe, circa 50 Millionen sind Abfälle aus Haushalten.