Kennen Sie Bauschaum? Sicher. Mit dem praktischen Stoff lassen sich ruck, zuck Hohlräume füllen und abdichten. Doch Bauschaum enthält meist Isozyanate – und die sind hochgiftig. Wer sich dagegen nicht schützt, läuft bei häufigeren Einsätzen Gefahr, krank zu werden. Bauschaum ist daher ein typischer Gefahrstoff. Das Tückische an ihnen: Der Schaden wird oft erst dann sichtbar, wenn Menschen ihn über längere Zeit aufgenommen haben. Dann ist es häufig zu spät für eine Heilung.

Berufsgenossenschaften und Bezirksregierungen legen deshalb derzeit einen Fokus auf Gefahr- oder CMR-Stoffe (CMR – cancerogen, mutagen, reprotoxic), also Stoffe, die Krebs oder Mutationen verursachen oder die Fruchtbarkeit beeinträchtigen können. Unternehmen sind verpflichtet, die Gefährdungen, die durch Gefahrstoffe entstehen können, zu prüfen und die Ergebnisse sowie Maßnahmen in einer Gefährdungsbeurteilung festzuhalten. Doch wie gehen Sie dabei am besten vor? Wir zeigen es Ihnen.

Ersatz vorhanden?

Sollten Sie einen Gefahrstoff einsetzen, prüfen Sie zunächst, ob er sich substituieren lässt. Ein ungefährlicher Ersatzstoff mit ähnlichen oder gleichen Eigenschaften erspart Ihnen nicht nur vielfältige Schutzmaßnahmen, sondern auch einiges an organisatorischem Aufwand. Sollte aus verfahrens- oder produktionstechnischen Gründen kein Weg an einem Gefahrstoff vorbeiführen, hilft das EMKG.

Einfach und schnell: EMKG

Das „Einfache Maßnahmenkonzept Gefahrstoffe“, kurz EMKG, ist ein cleveres und – wie der Name schon sagt – einfaches Tool der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAUA). Mit einer Drehscheibe oder alternativ einer App – beides kostenlos erhältlich – können Sie die Gefährdungen von Gefahrstoffen beurteilen. Das EMKG eignet sich für die Einschätzung von Flüssigkeiten, Feststoffen und Aerosolen. Es deckt zudem die Themen Brand und Explosionsgefährdung ab, zum Beispiel wenn sich ein brennbares Gas entwickelt. Für Gase können Sie es allerdings nicht nutzen. Die praktische Lösung liefert Ihnen direkt eine kurze Gefährdungsbeurteilung samt einem dreistufigen Maßnahmenkonzept. Ende 2025 hat die BAUA zudem zwei neue Module in die Drehscheiben und das EMKG-Poster aufgenommen. Sie erhalten dort nun Unterstützung bei der Auswahl geeigneter Maßnahmen zum Schutz der Augen vor Gefahrstoffen. Das Modul „Lagern“ hilft Ihnen, Sicherheitsmaßnahmen für die Aufbewahrung von Gefahrstoffen festzulegen. Hier finden Sie weitere Informationen zum EMKG …

Wer es genauer wissen möchte, kann sich in die 400er-Reihe des Technischen Regelwerks Gefahrstoffe (TRGS) und seine Anhänge vertiefen. Im Netz und bei den Berufsgenossenschaften gibt es zudem unabhängig vom EMKG weitere Vorlagen. Mit ihnen ist eine Gefährdungsbeurteilung ebenfalls möglich, jedoch aus unserer Erfahrung heraus deutlich aufwändiger und für den normalen betrieblichen Anwender meist auch zu kompliziert.

Sinnvolle Ergänzung: der GESTIS Stoffenmanager®

Um Gefährdungen durch Stäube, Flüssigkeiten oder Aerosole rechnerisch abzuschätzen und teure Messungen zu vermeiden, bietet das Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA) ein spezielles, in den Regelwerken anerkanntes Tool für einatembare Gefahrstoffe: den GESTIS-Stoffenmanager®. Mit ihm lässt sich durch rechnerische Abschätzung bewerten, in welcher Höhe die Exposition eines Gefahrstoffs vorliegt und mit welchem Faktor diese Exposition über oder unter den vorgegebenen Grenzwerten liegt. Der Stoffenmanager nutzt Millionen von Daten aus Messungen und Abschätzungen und kann daher bei Ihrer Abschätzung auf eine breitere Erfahrungsbasis zurückgreifen. Einzelmessungen zeigen dagegen immer nur Momentaufnahmen. Das Tool ist kostenpflichtig und lässt sich in der Regel weder von Laien noch von einer Sicherheitsfachkraft einfach bedienen. Hier sollten Sie sich nach Dienstleistern umschauen, die mit dem von Ihnen eingekauften Tool umgehen können, um belastbare Ergebnisse zu erhalten. Das Tool zeigt Ihnen darüber hinaus, wie sich der Wert verändert, wenn Sie unterschiedliche Schutzmaßnahmen anwenden. Nehmen Sie später im Betrieb Änderungen vor, erhalten Sie über den Stoffenmanager direkt neue belastbare Ergebnisse ohne erneute Messung. Aus unserer Erfahrung liegen die Abschätzungsberichte sehr nah an Messergebnissen aus der Praxis. Sie können daher auch eine Lösung sein, um Messungen zu verifizieren.

Allerdings deckt der Stoffmanager im Gegensatz zum EMKG nicht die Themen Brand und Explosionsgefährdung ab. Es lohnt sich daher auf jeden Fall einen Blick in das EMKG.

Was tun bei Gasen?

Viele Gefahrstoffe sind Gemische, zum Beispiel in Sprühdosen, Gase in aller Regel Reinstoffe. Ist der von Ihnen eingesetzte Gefahrstoff ein Gas, müssen Sie messen. Dabei spielen viele Faktoren eine Rolle, beispielsweise Druck, Temperatur oder Windrichtung und -stärke. Früher kamen häufig Dosimeter zum Einsatz. Trotz vergleichsweise hohem Aufwand lieferten sie jedoch oft verfälschte Ergebnisse.

Typische Fehler bei der Gefährdungsbeurteilung von Gefahrstoffen

Falsche Beschreibung: Damit Ihre Bewertung der Gefährdung belastbar ist, müssen Sie eine Beschreibung in dem von Ihnen genutzten Tool finden, die möglichst genau zur jeweiligen Tätigkeit bei Ihnen im Betrieb passt. Schauen Sie sich daher die Tätigkeit vor Ort genau an. Vom Schreibtisch aus geht das nur schlecht.

Kurz zusammengefasst: Kling bequem, kann aber zu falschen Ergebnissen führen. Betrachten Sie jeden Tätigkeitsschritt einzeln und im Detail. Nur so erhalten Sie ein differenziertes Bild und stellen sicher, dass Sie alle wichtigen Aspekte berücksichtigen.

Veränderte Rahmenbedingungen übersehen: Sollten Sie eine Messung durchführen, darf sich währenddessen kein Parameter verändern. Sollte jemand beispielsweise kurz eine Tür oder ein Fenster öffnen, müssen Sie von vorne beginnen.

Nicht sauber gearbeitet

Um Gefährdungen richtig abschätzen zu können, sollten Sie sich die Umgebungsbedingungen genau ansehen: Sind Fenster geöffnet? Wie hoch ist das Volumen des Raums? Wie hoch die Temperatur des Prozesses? Ist eine Absaugung vorhanden? Wie arbeiten Ihre Mitarbeiter*innen mit dem Gefahrstoff? Überlegen Sie im Vorfeld auch, welche anderen Tätigkeiten die Messung verfälschen könnten und stoppen Sie sie.

Fachkunde unterschätzt

Um Gefahrstoffe zu beurteilen, erwartet der Gesetzgeber Fachkunde. Da reichen ein paar Semester Chemie im Studium oder die Weiterbildung zur Sicherheitsfachkraft nicht aus. Die Regelwerke erwarten, dass Sie fachkundig sind. Wie Sie diese Fachkunde erlangt haben, ist in den TRGS nicht eindeutig definiert. Sie kann durch Studiengänge, Arbeitserfahrung, Aus- oder Weiterbildung erlangt werden. Dokumentieren Sie daher auf jeden Fall, auf welcher Grundlage Sie die Fachkunde erlangt haben. Im Zweifelsfall wird die Bezirksregierung Sie danach fragen.

Anschluss verlieren

Immer wieder entdecken Forschende neue Gefährdungen, werden die Grenzwerte verschärft. Eine Gefährdungsbeurteilung, die Sie vor fünf Jahren erstellt haben, kann heute schon nicht mehr rechtens sein. Um Ihre Fachkunde zu behalten, sollten Sie sich daher kontinuierlich weiterbilden, Vorträge zum Thema besuchen und sich mit anderen Experten austauschen. Auch ein enger Kontakt zur Messtechnik ist wertvoll. Denn bewegen sich die von Ihnen ermittelten Werte nahe an der Grenze, können Vergleichsmessungen Sicherheit bieten. Durch ihren anderen Blick auf Messungen können die Kolleginnen und Kollegen zudem als wichtiger Sparringspartner fungieren.